20.07.2026: Update zur aktuellen Rechtslage
Nach Veröffentlichung dieses Beitrags wurden die Entscheidungsgründe des Bundesarbeitsgerichts veröffentlicht. Zudem hat die Deutsche Post ihren Zustellprozess für Einwurf-Einschreiben angepasst. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen ordnen Dr. Alexander Bissels und Martin Klingen in einem kurzen Video-Update ein.
Die arbeitsrechtliche Rechtsprechung entwickelt sich kontinuierlich weiter und mit ihr die Anforderungen an Unternehmen. Im zweiten Compliance Classroom der Gi Group Holding haben Dr. Alexander Bissels, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner bei CMS Deutschland, und Martin Klingen, Chief Corporate Affairs Officer der Gi Group Holding, aktuelle Urteile und deren Auswirkungen auf die Praxis eingeordnet.
Diese fünf Learnings zeigen, welche Entwicklungen Personalverantwortliche jetzt kennen sollten.:
1. Das Einwurf-Einschreiben ist keine rechtssichere Lösung mehr
Über viele Jahre galt das Einwurf-Einschreiben als Standard, wenn Kündigungen zugestellt werden sollten. Aktuelle Entscheidungen des Bundesarbeitsgerichts stellen diese Praxis jedoch zunehmend infrage. Hintergrund sind Änderungen im Zustellprozess der Deutschen Post, durch die sich der Zugang einer Kündigung nicht mehr so eindeutig nachweisen lässt wie bisher.
Für Unternehmen bedeutet das: Der Zustellprozess sollte überprüft werden. Die persönliche Übergabe bleibt die sicherste Variante. Ist das nicht möglich, sollten alternative Zustellwege wie interne Bot:innen oder professionelle Zustelldienste mit einer lückenlosen Dokumentation eingesetzt werden.
2. Krankmeldungen nach einer Kündigung dürfen kritisch hinterfragt werden
Geht unmittelbar nach einer Kündigung eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ein, die bis zum Ende der Kündigungsfrist andauert, müssen Arbeitgeber diese nicht automatisch widerspruchslos akzeptieren. Die aktuelle Rechtsprechung eröffnet Unternehmen die Möglichkeit, den Beweiswert einer Arbeitsunfähigkeit unter bestimmten Voraussetzungen anzuzweifeln.
Wichtig ist dabei, konkrete Auffälligkeiten sorgfältig zu dokumentieren. Nur wenn nachvollziehbare Indizien vorliegen, kann eine weitere Prüfung sinnvoll sein. Ziel ist dabei nicht, berechtigte Krankmeldungen infrage zu stellen, sondern auffällige Einzelfälle rechtlich korrekt zu bewerten.
3. Annahmeverzugslohn aktiv steuern statt nur reagieren
Kündigungsschutzverfahren ziehen sich häufig über Monate oder sogar Jahre hin. Wird eine Kündigung später für unwirksam erklärt, drohen erhebliche Kosten durch den sogenannten Annahmeverzugslohn.
Die aktuelle Rechtsprechung stärkt Arbeitgeber jedoch. Beschäftigte sind verpflichtet, sich aktiv um eine neue Tätigkeit zu bemühen. Unternehmen können diesen Prozess unterstützen, indem sie passende Stellenangebote zusenden und diese Aktivitäten dokumentieren. Dadurch lassen sich finanzielle Risiken im Kündigungsschutzverfahren deutlich reduzieren.
4. Gute Prozesse sind oft wichtiger als das Arbeitsrecht selbst
Viele arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen entscheiden sich nicht allein an der Rechtslage, sondern an der Qualität der Vorbereitung. Eine sauber dokumentierte Zustellung, nachvollziehbare Abläufe und eine vollständige Dokumentation können im Streitfall den entscheidenden Unterschied machen.
Deshalb lohnt es sich, interne HR-Prozesse regelmäßig zu überprüfen und an aktuelle Entwicklungen anzupassen. Standardisierte Abläufe schaffen Sicherheit und reduzieren vermeidbare Fehler.
5. Neue Urteile machen regelmäßige HR-Updates unverzichtbar
Was gestern noch als bewährte Praxis galt, kann heute bereits überholt sein. Gerade im Arbeitsrecht verändern neue Gerichtsentscheidungen die Handlungsspielräume von Arbeitgebern oft schneller, als interne Prozesse angepasst werden.
Personalabteilungen sollten aktuelle Entwicklungen deshalb kontinuierlich beobachten und ihre Standards regelmäßig aktualisieren. So lassen sich rechtliche Risiken frühzeitig minimieren und gleichzeitig wirtschaftliche Folgekosten vermeiden.
Fazit
Die aktuelle Rechtsprechung zeigt deutlich: Erfolgreiches Personalmanagement endet nicht bei der Kenntnis arbeitsrechtlicher Vorschriften. Entscheidend sind klare Prozesse, eine sorgfältige Dokumentation und die Bereitschaft, etablierte Abläufe regelmäßig zu hinterfragen.
Wer seine HR-Prozesse an die aktuelle Rechtslage anpasst, schafft mehr Rechtssicherheit und reduziert gleichzeitig das Risiko kostspieliger Verfahren.
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